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hier bildloses Bild Nicht einen einzigen Standpunkt findet einer, das Bild zu betrachten. Das bildlose Bild ist – selbst das ist schon zu viel behauptet – als Ganzes oder verborgen hinter Ansichten. Noch niemandem ist es gelungen, das formlose Bild je zu entbergen. Dass Ganzes als Sein gegeben sei, ist eben der Mythos vom Gegebenen und Ganzen, also ein Aspekt, der das bildlose Bild verbirgt, anstatt es zu offenbaren. Ähnliche Schwierigkeiten mit realer Sinnfindung hatten Physiker um 1900. Bis Einstein erkennt: Die absoluten Größen Raum und Zeit hängen ab von Bewegung. Ähnliche Schwierigkeiten haben seit je machtorientierte Priester mit der Ansage, dass Gott abhänge von der Evolution. Ist aber so. Für wen? Für einen, der bewusstseinsmäßig in nachmetaphysicher Zeit lebt. Schweife ich ab? Für wen? Bildloses Bild – was ist? Niemand sah je das bildlose Bild. Dazu gehören zwei: einer, der sieht, und etwas, das gesehen wird. Genau das ist in diesem Fall, der keiner ist, unmöglich. Das bildlose Bild sieht sich selber. Welch ekstatische Glückseligkeit! Was heißt hier: sehen? Was: Bild? Falls das bildlose Bild für einen gewöhnlichen, also dualistisch, das heißt, überhaupt denkenden, also ichorientierten Menschen tatsächlich nicht sichtbar ist, für wen dann? Für niemanden! Wirklich niemanden! Und tschüss! Auch ich habe es nicht gesehen, kann nichts bezeugen, beweisen, belegen. Das bildlose Bild ist, wenn ich nicht bin. Wann ist das schon der Fall? Auch bin ich außerstande, es zu erinnern. Denn was ich erinnere, ist mein persönlicher Aspekt, der das bildlose Bild verbirgt, nicht offenbart. Schattenlose Helle ist nicht erinnerbar. Folglich kann das bildlose Bild aus jeder beliebigen Richtung erinnert werden, ohne dass es je offenbart wird. Verwirrend oder tröstlich? Wenn das bildlose Bild in Sprache schon nicht darstellbar ist – der fühlende Denker existiert im bildlosen Bild nicht – dann vielleicht an der Grenze des Sprechbaren, im Paradox? Eine Art geheimnisträchtiger Ausblick hinaus aus je Fühlbarem, Vorstellbarem, nachvollziehbar Möglichem? Wie wär’s mit: innerstes Herausstellen, innerste Ek-Stase, innerstes Außen, äußerstes Innen: oder mit Infinitiven: sendend empfangen, hin-gebend an-nehmen? Oder als Negativ -Ästhetik? Wirklich bildlos, gestaltlos, formlos sei ein Bild, das von niemandem gesehen wird: reine Fülle ohne den, der sie wahrnimmt; allgegenwärtige Präsenz ohne Macht, ohne Hierarchie, ohne Mythos und ohne Magie, ohne Vernunft und ohne Rationalität. Wahrnehmen heißt? Auch: Das bildlose Bild nicht erinnern zu können, grenz bereits an Anmaßung. Wahrnehmen, erinnern, denken – welche Geheimnisse verbergen sich darin? Ein bescheidener Versuch: Denken und malen als Entzifferungs-, Entschleierungsjob angedacht, beinhaltet auch immer zugleich das Gegenteil: Verschlüsselung, Verbergung, verstecken, verheimlichen oder für mich nutzbar machen, zumindest eine Zeitlang so tun, als wäre es möglich. Ach! In Bildern denken? Träumen? Reden wir fortan über Gestalt, über Bilder zum Anfassen und Sehen, also gerahmte, verkaufbare, über real existierende Kunst. Also nicht mehr trans-durchwachsen, sondern postmodern intersubjektiv bezogen. Möge soviel heißen wie: Was abgeht, geht ab, jemand sagt an, ein anderer kommentiert, ein dritter staunt oder ist not amused, außerhalb dessen erwarten wir keinen höheren Wert, auch kein höchstes Anliegen, kein Schönes, Wahres, Gutes, zu platonisch, zu unverständlich, zu weltfern. Behaupten, hypothetisch annehmen reicht längst, um handfest Geschichte in die Öffentlichkeit hinein zu installieren. Längst über Datum, dass im Staat Museen für kollektives Gedächtnis zuständig sind. Kollektives Unbewusstes wabert allerorten unkontrollierbar sowieso. Ein Museum, welches einen Rembrandt verkauft, um einen Baselitz zu kaufen, hat seine Aufgabe als Werte bestimmende Institution aufgegeben, ist gekauft, von Privatinteressen einiger weniger Geldbenutzer gekauft. Museum als Anerkennungsmaschine. Auktionshäuser, Kuratoren und Sammler bestimmen zunehmend jede Kulturpolitik. Eventproduktion, Produktdesign, Massenkommerz, Flick Collection, Saatchi Konzern. Was wert und wichtig, wird vom Art-PR-Management, von Art-Consulting und Co, wird von gigantischen neuen Wirtschaftsoptionen vorgegeben, wird auf Messen aufgetürmt, zu Müllbergen aufgetürmt, zu „Kunst“ erklärt; je voller, banaler, dilettantischer, desto umsatzkräftiger. Jede subjektbezogene, auf den Betrachter bezogene Wertedebatte wird, Boom garantiert, möglichst minimalisiert, auf Poker- und Kaufwert reduziert. Wurzellos narzisstische Boomeritis, aktuelle Volksseuche Nummer eins. Ein von staatlicher Politik unkontrollierbares Reich ohne Land, ein virtuelles Netz entsteht: das globale Kunst-Imperium purer Willkür; höchste Ehrung: der Premium Imperiale aus Japan. Dabei geht es längst nicht mehr um Landnahme. Der Globus ist bereits vollständig aufgeteilt. Es geht, wie Jeremy Rifkin scharfsinnig feststellt, um Access, so der Titel eines seiner Bestseller. Um Zugang geht es, um Zugang zu Inseln des Wohlstands weniger Auserwählter in einer ansonsten dekadent regressiv in mythischen Wogen versinkenden prärationalen unaufgeklärten Welt. Im Falle der Kulturindustrie spielen gemalte Bilder als Investition anregende Pokerwerte an der Kunstbörse die Rolle gewöhnlichen Geldes. Malend produziert man so zu sagen vorbei an gewöhnlichen Zahlungsmitteln, dessen Wert Weltbank und Nationalstaat garantieren, imperiumimmanentes Geld. Kunst und Kapital, heilige, unheilige Liaison? Künstler-Stare doubeln sich, gehen mithilfe von Hightec-Druck- und Projektionsverfahren effektiv in Serie, in verkaufsträchtige Serie, mutieren wie Damien Hirst zu Art-Konzernmanagern. Die clevere Idee bläst die konsumfreudige Illusion auf. Irres Spektakel: sich profitabel in Szene zu setzen, kollektiv uniforme Starallüren statt existentielle Einmaligkeit zu zelebrieren. Nicht nur „Gott ist tot“, auch das „Subjekt“, auch das „Bewusstsein des Subjektes“: letzte neutrale, giermanischen Schüben nicht ausgelieferte Instanz, durch die einst Gott sprach, dann selbstverantwortlich das bürgerliche Individuum, dann kollektiv eingebundene Beliebigkeit als autistischer Brabbelmonolog, bald niemand mehr. Willkür expandiert kapital. Unübersehbare ökonomische Interessengruppen inszenieren Marktspektakel, Kulturevents im Kampf um Aufmerksamkeit, liberal offen, so was von offen, indifferent offen, jeder kann einsteigen, mitpokern, Spaß haben. Menschliche Tragik ist gründlich eliminiert, aus unterhaltsamem Kunstevent zumindest. Kunst als Ablenkungsmanöver vom Weltenbrand? Umso heftiger explodiert an den Schauplätzen moderner Barbarei die Gesellschaft in apokalyptische Vernichtung: an der Somme wie in Auschwitz, in Stalins Gulag, den Umerziehungslagern der Kulturrevolution und in brennenden Dörfern von Vietnam, Ground Zero in NY, Völkermord auf dem Balkan, in Afrika. Zivilisation, was ist das? Geist, was ist das? Monströs, Reiche werden immer reicher, Ozonlöcher immer größer. Industrienationen beuten heftiger aus denn je: Menschen, Natur, die Erde, die letzte, die wir haben! Tatort Wildnis. Tatort Luft. 70 % der Menschheit agiert gemeingefährlich mit Nazi-Bewusstsein drauf los. Das von Menschen bewirkte Desaster klage ich nicht an, ich betrete Lichtung. Gehe in wirklichen Wald, setzte mich unter den Baum meines Vertrauens und schließe die Augen. Welt anhalten. … staune, erkunde, erkenne, spüre Erleichterung, genieße Erträglichkeit, selig. Bei sich sein – beieinander sein. Falls der Albtraum wieder zu heftig drückt, öffne ich mich erneut, gehe in Dialog, in Beziehung, fühle mich eingebettet, eingebunden in umfassendere Energieströme, schützende Nacht, funkelnde Sterne, Wind, drängelnde Hormone, das Lächeln der Geliebten. So sei auch das. Im Folgenden trete ich mit Zeitgenossen in Dialog: Hanno Rauterberg, Peter Sloterdijk, Ken Wilber. Speziell um Kunst geht es, was das sei und soll und wen es angeht. Ken: „Große Kunst ergreift uns gegen unseren Willen und hebt diesen Willen auf. Man wird auf eine stille Lichtung geleitet, frei von Begehren, frei von Ergreifenwollen, frei vom Ich, frei von Selbstbezogenheit. Und in dieser Öffnung oder Lichtung des eigenen Gewahrens können höhere Wahrheiten aufleuchten, subtilere Offenbarungen, tiefere Zusammenhänge. … Aufhebung des Verlangens, woanders sein zu wollen. So löscht sie das unruhige Begehren im Herzen des Leidenden selbst aus und macht uns …frei von allem inneren Aufruhr.“ (WSG 206) xxx: Die Programme der avantgardistischen Moderne zielen auf Verweigerung sämtlicher Verwertungsinteressen, auf Umwertung aller Werte, auf Totalveränderung, nichts bleibe, wie und was es war. Denn unterentwickelte Mängelwesen sind wir bislang, erfahren Wirklichkeit sehr unzulänglich, steuern zwanghaft und einsichtslos der Katastrophe entgegen. Ausgedient haben somit sakrale Kunst mit ihren Kultobjekten sowie höfische Kunst mit Repräsentationsobjekten, ebenso bürgerliche Kunst mit Darstellungen bürgerlichen Selbstverständnisses. Avantgarde steigt aus, verweigert Überlieferung und Entfremdung, revolutioniert das Leben durch Rückführung der Kunst in unmittelbare Lebenspraxis. Living theatre. Und landet, denke ich an Andy Warhol, schließlich im Warenhaus. Hanno: Nicht wirklich. „Kunst ist nicht festgelegt auf eine bestimmte Aufgabe.“ Wie jedes Produkt im Warenhaus. „Sie erlaubt es dem Betrachter, sich ihr frei zu nähern. Sie erscheint nutzlos, auch wenn sie nicht nutzlos ist. … Mode muss getragen werden. … Werbung, so raffiniert und klug und sensibel sie auch auftreten mag, kann immer nur Frohsinn verheißen, Schönheit, Reichtum, Befriedigung. Sie kann keine Tragödie sein, keine Apokalypse, kann den Betrachter nicht in die Dunkelheit führen und ihn dort belassen. Sie kann nichts von dem, was den Großteil guter Kunst ausmacht: kann die Welt nicht in Zweifel ziehen, kann nicht misstrauisch sein, misanthropisch, wütend. Sie muss einen Ausweg aufzeigen, denn der Ausweg ist das Produkt.“ (UDIK152) xxx: Okay, somit bewegen wir uns leichtfüßig auf postmodernem Parkett? Peter: „Die Künste sind ein hervorragender Vorwand geworden, um den Weg mit dem Ziel zu verwechseln.“ xxx: Gehe ich richtig in der Annahme, dass ein wesentliches Ziel menschlicher Kultur darin besteht, unerträgliche Lasten wie biologische Zwänge, Geburt und Tod zum Beispiel, oder vor allem vom Menschen heraufbeschworenes Unheil erträglicher zu gestalten? Eine Befreiungsbewegung also ins real Leichte, Lichte? Daran gemessen stünde Kunst um der Kunst willen ziemlich albern da. Ziel also wäre nicht Kunst als solche, sondern der schöpferische Mensch, der sich befreiend über sich selber hinauswächst. Peter: Ja, ja. „Längst haben sich die Künste selbst als Ziele verselbständigt und sind selber auf die dumme Bahn geraten – auf die Bahn der Höchst-Leistung, des Engagements, der Künstlergrandiosität – und der hilflosen guten Absicht. Die Kunst ist großartig, die Künstler können, was sie können, der Pfeil trifft immer das Schwarze. Aber es kommt darauf an, zu wissen, dass man alles andere verfehlt, wenn man das Schwarze trifft.“ (ÄI 482) Hanno: Dem stimme auch ich zu. „Kunst muss keine Kriege führen, weder an der Front noch irgendwo im Widerstand. Sie muss nichts verteidigen, nichts verweigern. Und wenn sie doch einmal um ihre Souveränität ringt, dann nicht mit dem Betrachter. Gute Kunst entsteht nur selten gegen den Markt, gegen das Publikum. So etwas endet meist in irgendeinem Zwang, Kunst aber ist eine Vereinbarung auf freiwilliger Basis.“ (UDIK 139) xxx: Erstaunlich emphatisch wird der Betrachter aufgewertet. Durch Kunst wird dem Betrachter keinerlei Freiheit genommen, hin- oder wegzuschauen. Wenn schlechte Kunst ausgestellt wird, einfach nicht hingegen! Hanno „Kunst entsteht im Auge des Betrachters.“ (UDIK 180) Ken: Der heilige Bonaventura lehrte, dass der Mensch mindestens über drei Weisen, Erkenntnisse zu erlangen verfügt – ‚drei Augen’, wie er sie nannte: das Auge des Fleisches, mit dem wir die äußere Welt des Raumes, der Zeit und der Dinge wahrnehmen; das Auge der Vernunft, das uns Zugang zur Philosophie, zur Logik und zum Geist selbst verschafft; und das Auge der Kontemplation, das uns zur Erkenntnis transzendenter Wirklichkeiten erhebt.“ (AE 10) xxx: In Beziehung also, im Dialog Mensch Welt, im persönlichen Bewusstsein des Betrachters innen / außen. Ein Tier ist außerstande, Kunst als befreiende Geste zu erkennen. Und was erkennt ein staunendes Kind, ein gerissener Geschäftsmann, ein anerkennungssüchtiger Narzisst, ein teilnehmend teilnahmsloser Buddha? Eine Evolution des Gewahrwerdens stünde an, eine Erweiterung des Ansatzes des heiligen Bonaventura, um die unterschiedlichsten Wahrnehmungen einzuordnen, eine, die beispielsweise Materialismus als die Fähigkeit, Außen wahrzunehmen, angemessen einordnet und Geist als Gewahrwerden von Innen systemisch nicht ausschließt, sondern integriert. Gehirnforscher können Geist nicht wahrnehmen, weil sie von außen beobachten. Von innen gefühlt, im Individuum offenbart, erschaut, gewahr geworden allerdings tun sich Tore auf zu unendlichen Weiten. Ebenso real wie das gemessene Atom oder durchprogrammierte Gen. Zu jeder Stufe der Erkenntnis gehören eine spezifische Erkenntnisfähigkeit und die dazugehörige Ausdrucksweise. Die Frage: Was ist Kunst? wird deshalb unterschiedlich bewertet. Auf den ausschließenden Blickwinkel, prinzipiell wie historisch, kommt es an. Ken: Gestalten wir Anliegendes systemisch. „Die einfachste und vielleicht älteste Auffassung vom Wesen und der Bedeutung der Kunst (und damit auch ihrer Interpretation) lautet, dass Kunst imitativ oder repräsentativ ist. … Die Bedeutung von Kunst ist dasjenige, was sie nachahmt. … Während manche Kunstwerke durchaus repräsentative Aspekte haben, kann mimesis allein weder das Wesen noch den Wert der Kunst erklären.“ (WSG 163f) xxx: Die Kopie der Kopie bezeugt überlieferungsfreudiges Scannerbewusstsein, welches sich in Endlosschleifen und Produktionsserien amortisiert. Ken: Kunst als Schöpfung, die ein kreatives Genie zum Ausdruck bringt, wäre dazu die erweiternde Alternative. „Kunst ist zunächst und vor allen Dingen Ausdruck der Empfindungen oder Intentionen des Künstlers. Sie ist nicht die Nachahmung einer äußeren Wirklichkeit, sondern Ausdruck einer inneren Wirklichkeit.“ Angemessene Interpretation spürt dem Ereignis im Künstler und der Absicht des Künstlers nach. xxx: Nachahmung geht vom Gegebenen aus, das autonome Genie hebt im Unterschied dazu wie die Hebamme die Gestalt aus dem Verborgenen ins Sichtbare. Zeitgemäßer Erkenntnistheorie gemäß ist das Gegebene ein Mythos. Da draußen liegen die Gegenstände nicht einfach so herum und warten darauf, von einem Subjekt erkannt zu werden. Im Erkenntnisprozess schwingt eine erhebliche gestalterische Komponente des erkennenden Subjektes mit. „Du bist, was du siehst“ deuten Weisen aus dem Morgenland an. Heißt westlich formuliert: Die physische Welt ist keine Sache der Wahrnehmung, sondern der Interpretation. Somit steht weit offen das Tor, offen für Unsichtbares, Abgründiges wie Erhellendes, welches hinter dem offensichtlich dumpf oder glitzernd Gegebenen geheimnisvoll aufblitzt, die romantische Haltung eines vorwiegend empfindsamen Menschen. Ken: Für romantisch verstandene Kunst „besteht eine gültige Interpretation in der psychologischen Rekonstruktion und Wiederherstellung der ursprünglichen Intention“ des Künstlers. Den Weg zurück zur Quelle weist die Interpretation. „Die Kluft zwischen Künstler und Betrachter wird insoweit geschlossen, als es um ein ‚Auge in Auge’ mit der ursprünglichen Intention des Künstlers kommt.“ Van Gogh: „Ich versuche nicht, genau wiederzugeben, was ich vor Augen habe; vielmehr setze ich Farbe eher willkürlich ein, um mich besser ausdrücken zu können.“ (WSG 166) xxx: Sich intensiv auszudrücken, statt außen Form zu klonen. Ken: Eine weitere Auffassung von Kunst, die rational aufklärerische, geht davon aus, dass Kunst allein im Kunstwerk zu finden sei. „Der Wert der Kunst ist in der Form des Kunstwerks selbst zu finden. … Für den Formalismus liegt die Bedeutung eines Kunstwerkes grundsätzlich in den formalen Beziehungen zwischen Elementen des Werkes selbst. Für eine gültige Interpretation des Werkes ist daher eine Aufhellung dieser formalen Strukturen notwendig. … Der Künstler, der Urheber oder das Subjekt wurde für ‚tot’ erklärt. … Absichten, die ihren Niederschlag nicht im Kunstwerk finden, sind vielleicht interessant, aber sie sind per definitionem nicht Teil des Kunstwerks.“ (WSG 170) xxx: Diese Haltung wird vor allem von Poststrukturalisten wie Barthes, Derrida und Lyotard vertreten. Das besondere Augenmerk der Interpretation fällt dabei auf Elemente und Zuordnungen nicht nur in Bezug auf das einzelne Werk, sondern auch in Bezug auf historischen Kontext, dem das Werk entstammt. Die postmoderne intersubjektive Sichtweise schafft die Metaphysik des Absoluten gründlich ab, Wegbereiter Nietzsche und Heidegger. Metaphysik wird als historische gegründete, vom Menschen hervorgebrachte Sichtweise der Welterkenntnis eingestuft, Kontext in Kontext. „Gott“ wird zum Markenlogo des mythischen Stadiums der Evolution des Bewusstseins. Ken: „Während die formalistischen Theorien den Künstler umbrachten und sich ausschließlich auf das Kunstwerk konzentrierten, brachte diese neue auch noch das Kunstwerk um und konzentrierte sich das, was, noch übrig blieb: den Betrachter des Kunstwerks. … Dieser Auffassung zufolge kann das Wesen und die Bedeutung von Kunst nur in der Geschichte der Rezeption und Reaktion auf das Kunstwerk aufgefunden werden. … Der Interpret, nicht der Künstler, schafft das Werk. … Alle Bedeutung ist in der Geschichte vorhanden. Diesen Theoretikern zufolge kann man Bedeutung nicht vom Ablauf der Geschichte isoliert betrachten. … Die einzige Möglichkeit, ein Kunstwerk zu erkennen, ist, es anzuschauen und zu interpretieren, und diese in der Geschichte gründenden Interpretationen konstituieren alle Kunst.“ (WSG 172) xxx: Welchen Sinn macht es, eine Sichtweise zu vertreten und andere auszuschließen? Ken: „Alle erörterten Theorien – die repräsentative, intentionale, die formalistische, diejenige der Rezeption und Reaktion – sind grundsätzlich richtig und wahr: sie alle verweisen auf einen spezifischen Kontext, in dem das Kunstwerk existiert und ohne den es nicht existieren könnte. Die Kontexte konstituieren daher tatsächlich die Kunst selbst, das heißt, sie sind tatsächlich Teil des Wesens der Kunst. … Jede dieser Theorien versucht, ihren Kontext als den wirklich ernstzunehmenden darzustellen. … Sie ist wahr, wenn sie auf ihren eigenen Kontext abhebt, und falsch, wenn sie versucht, die Wirklichkeit oder Bedeutsamkeit anderer bestehender Kontexte zu leugnen.“ (WSG 175) Hanno: Ja, ja, „viel wichtiger als die Frage nach sich selbst (was denn nun Kunst sei) ist die Frage nach dem Betrachter. Sie (die Kunst) will eigene Bilder finden. Und begreift es als Qualität, wenn sich ein paar Menschen diese Bilder genauer anschauen. Wenn sie verharren, sich vielleicht sogar erkannt fühlen. Wenn jenes Wechselspiel aus Sehen, Fühlen, Denken einsetzt, das Kunst heißt." (UDIK 174) "Das Gute der Ästhetik ist, dass sie den Betrachter in eine Situation versetzen kann, in der seine moralischen Überzeugungen erschüttert werden und er einen Abstand zu seinen Kategorien des Richtigen und Falschen gewinnt. Das Soziale an der Kunst ist also recht eigentlich das Asoziale, weil sie die allgemeine Vorstellung von dem, was sozial sei, unterläuft. Weil sie hilft, das Leben jenseits der Kunst zu relativieren, zu hinterfragen, zu unterminieren. … Nur die moralische Unbestimmtheit der ästhetischen Erfahrung birgt die Chance auf eine andere Form der Bestimmtheit, der Selbsterkenntnis. (UDIK 161) Peter: „In der Lichtung wird offenkundig, dass nicht alles offenkundig ist. Die Offenbarung ist nie vollständig – und der Verdacht gegen das Verhüllte und Nicht-Erscheinende ist prinzipiell nie zu beruhigen. Die Welt gewinnt Kontur als Kompositum aus Evidenz und Verhüllung.“ (ng 204) xxx: Was denn Kunst nun sei, bestimmt der lebendige Mensch in erkennbarem, benennbarem Lebenszusammenhang, sei es als Künstler, sei es als Betrachter, und nicht eine vom Menschen losgelöste, absolute Erzählung. Künstler und Betrachter, beide erleben und üben im künstlerischen Spiel dasselbe: innehalten und schauen, Distanz zu sich selber kreieren, zur Welt innen wie außen. Daraus folgt die künstlerische Tat des Betroffenen sowie bedeutsame Kritik des Erkennenden. Auch das gilt für Künstler und Betrachter gleichermaßen. Falls zum Beispiel einem abstrakten Expressionisten innen plötzlich genial bewusst wird, dass er auf der Flucht vor wem und was auch immer bislang regressiv kindisch drauflos produziert, hat wesentlich Kunst sich ereignet, heißt, Besinnung, statt leer laufende, Kräfte raubende Sensomotorik. Und falls er nichts merkt, produziert er einfach weiter und findet bei allen pausenresistenten Weitermachern Anerkennung: So entsteht Erfolg. Das Produkt als solches hat mit Kunst zunächst wenig zu tun, vielmehr die reale Wirkung im Menschen, befreiend oder verdrängend, weist auf Kunst hin. Solange nur von Produkten und deren Marktpreisen die Rede ist, bewegen wir uns auf rein ökonomischem Interessensgebiet: Es geht um Profit. Okay, aber danach oder im Unterschied dazu beginnt in Verknüpfung mit Kunst der Diskurs der Sinnfindung. Distanz zu urwüchsiger, triebhafter Natur zu schaffen, ohne sie zu unterdrücken, da erst beginnt menschliche Kultur als Verfeinerungsritual urspringender, wilder Energie. Wildheit endet am Schmerz des Anderen. Liberaldarwinismus, das heißt, jeder macht, was er will und zwar heftig: das Recht des Stärkeren, das Recht des Lautesten indiziert innen wie außen bloß blinde Gewalt. Macht steht so an, Propaganda, nicht Erkenntnis und Erleichterung. Stopp! Innehalten. Dessen gewahr werden, was innen instinktiv wie reflektierend auftaucht. Betrachten erweitert Bewusstsein, schafft Distanz zu Verwicklung, schafft Weltabstand, so tanzt, singt und malt der lebendige, rätselhafte, abgründige, übertreibende, über sich hinaus treibende Mensch … im Fluss des Gewahrwerdens … im intersubjektiven Netz der Ereignisse und In-Formationen … offen … Hanno Rauterberg,
Und das ist Kunst?! (UDIK), Frankfurt 2007
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