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Vorliegend die Rose,
betörend duftend,
vergänglich wie Tau, zart, jetzt.

Hoch erhoben, zeitlos anwesend der Berg:
Der heilige Berg Kailash – für Millionen Gläubige das Allerheiligste der Welt.

xxx: Die Frage: Was unterscheidet Rose von Berg? Will fragen: Welche Affäre hat das Schöne mit dem Erhabenen? Oder mit sich selber?

Vorab die Stimme derer, die es vor allem wissen.
Susan: "Die weniger 'erhabene' Schönheit von Gesicht und Körper ist nach wie vor Schauplatz, wo wir das Schöne am häufigsten suchen. ... (Doch) Schönheit liegt in der Tiefe, nicht an der Oberfläche; manchmal ist sie verborgen und gerade nicht offensichtlich; sie ist tröstlich, nicht verstörend; sie ist unzerstörbar wie in der Kunst, und nicht kurzlebig wie in der Natur. Schönheit - in ihrer erhabenen Spielart - ist dauerhaft." (Susan Sontag, Zur gleichen Zeit, München 2008, 26)

xxx: Schönheit in der Tiefe, dem Grauen nah, nicht an der Oberfläche? Harmonie tröstet? Schönheit unzerstörbar? So spricht der Mensch mit existentieller Erfahrung von Wahrhaftigkeit.

Immanuel: „Das Erhabene rührt, das Schöne reizt.“ (Immanuel Kant, Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, Königsberg 1764, 5)

xxx: Schönes reizt Sinne, erzeugt Wohlgefallen, anziehend, fühlt sich angenehm an. Eros spielt unerlässlich Rolle dabei. Dementsprechend sind gegenteilige Erfahrungen ebenfalls klar. Hässliches stößt ab, Zorn distanziert, Thymos. Wissenschaftler entdecken Schönheit in Naturgesetzen, Balance, Harmonie, Maler in der Naturlandschaft, im und am Körper der Geliebten, Musiker im harmonischen Klang. „Schönes Geschlecht – edles Geschlecht“. Ja-Sager, Nein-Sager. Auffällt, dass die Aufmerksamkeit der fühlend beteiligten Menschen vorwiegend auf Ereignisse im Leben gerichtet ist. Jeder kann sich verlieben, den Hormonen Naturrecht und Kulturspielraum zugestehen, auch kann jeder einen Tisch zertrümmern und somit seinem Missfallen Ausdruck verleihen.

Anders, um nicht zu sagen ganz anders das Ereignis des Erhabenen. Der heilige Berg Kailash stärkt die Gläubigen, nicht weil er überwältigend groß aussieht. Auch, das wäre der sinnliche Teil des Gewahrens, aber nicht nur, sondern weil er über sinnlich Alltägliches hinaus auf Wesentliches weist, auf etwas, das nicht mit sinnlichen Augen und zupackenden Händen zu ergreifen ist, sondern wenn überhaupt mit innerer Sensibilität des Herzens und des Geistes. Wobei mit Geist nicht Verstand (engl. mind), sondern offen fließender Geist (engl. spirit) gemeint sei. Der Verstand spiegelt, reflektiert und kombiniert gestalterisch wie destruktiv angenommen Gegebenes sinnlich wahrgenommener und entsprechend angedachter Welten, während Geist im weitesten Sinne das Tor zu durchaus bewusst erfahrbaren feinstofflicheren Sphären darüber hinaus öffnet. Ein spirituelles Leben weist weit über sich selber hinaus ins Mysteriöse, Undenkbare, Unsagbare. Oder anders gesagt, weist direkt auf sich selber ins Mysteriöse, ins Rätselhafte, ins Lebendige. So was gibt es? Ja, ja, für spirituell Lebende eben. Während Materialisten und Fundamentalisten allenthalben emsig zwanghaft im Flachland rumgrunzen. Der Buddha, welcher 2500 Jahre vor heute lebte, wird auch der Erhabene genannt, ob er nun schön aussah, spielt dabei unerheblich Rolle. Der unermesslich abgründige Boddhidharma sah äußerlich ganz und gar nicht schön aus.

Richard: „In meinem Wortgebrauch ist das Streben nach dem Schönen der Versuch, vertraute Dinge zu Mustern von größerer Harmonie und Dichte zu ordnen. … Im Gegensatz dazu ist das Streben nach dem Erhabenen der Versuch, in Berührung zu kommen mit etwas Unvertrautem, weil Unsagbarem. … Die Grenzlinie zwischen dem Schönen und dem Erhabenen fällt ungefähr zusammen mit den Grenzlinien zwischen dem Argumentativen und dem auf Inspiration Zählenden.“ (Richard Rorty, Die Schönheit, die Erhabenheit und die Gemeinschaft der Philosophen, Frankfurt 2000, 16)

xxx: Oder anders gesagt, zwischen Bedingtem und Unbedingtem, zwischen Relativem und Absolutem. Wobei es zum Unbedingten per Definition nichts zu sagen gibt, auch wenn Jean-Francois Lyotard eine Analytik des Erhabenen andenkt. Das klingt etwa so:

Jean-Francois: „Wenn also das Denken das Absolute berührt, berührt die Relation die Nicht-Relation, weil das Absolute das Relationslose ist.“ (J. F. Lyotard, Analytik des Erhabenen, München 1994, 69)

xxx: Grenzen bestehen zwischen unterschiedlichen Formen. Ja, aber wie kann zwischen einer Form und dem Formlosen eine Grenze bestehen? Meiner Erfahrung nach nur als Gedankenspiel. Denn der Gedanke selber ist bereits Form. Wie hängen Stimme und Stille zusammen? Ist Stimme hörbare Stille? Ist Form sichtbare allpräsente Weite? Teil dessen, was nicht aus Teilen besteht? Wir bewegen uns hier auffallend auf denkbarem Grenzgebiet. Andere raunen von Nicht-Gegründetem, Allgegenwärtigem: Sein – und denken wie folgt an.

Maurice: „Das Vorausgehen dessen, was ist, vor dem, was man sieht …und dessen, was man sieht vor dem, was ist – eben das ist Sehen.“ (Maurice Merleau-Ponty, Das Auge und der Geist, Hamburg 2003, 314)

Martin unterstützt: „Sein ist erschlossen im Seinsverständnis, das als Verstehen zum existierenden Dasein gehört.“ (Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1926, Tübingen 2001, 437)

xxx: Angesichts des Undenkbaren: ein sich selber aufhebender Kreisgedanke: Sehen sei, so Maurice, der Prozess, sowohl vor dem sinnlichen Erfassen das Mysterium Sein anzunehmen als auch durch Sehen mit logischem, also geistigem Auge das Wesen im Gegebenen zu entbergen. Beides zusammen konstituiere Sehen.

Und Martin denkt Sein erst gar nicht von Seinsverständnis trennbar an. In Worten zwar unterschieden, in Wirklichkeit nicht gesondert erschließbar. Eines nicht ohne das Andere, ohne den Anderen, der andenkt.

Ich wiederhole, Sein ist, auch wenn niemand hinschaut, und: dadurch dass einer hinschaut, entsteht Sein. Sein bestimmt Bewusstsein und Bewusstsein bestimmt Sein, beides gehöre zum Erkenntnisprozess, meint Maurice. Marx sieht das anders. Postmoderne Künstler auch: Design bestimmt das Sein. Aus dem, was Maurice andenkt, lassen sich zwei philosophische Schulen erbauen. Was auch immer ich sinnlich wahrnehme, Sein ist schon da, ob ich nun hinschaue oder nicht: Sein ist allhier. Ontologie seit Parmenides. Oder die andere Schule: Sinnlich hinschauen und anschließend vernünftig, das heißt mittels nicht vergänglicher Natur unterworfener ewiger logischer Gesetze grundlegend zu reflektieren reicht, um das Wesen der Phänomene zu erschauen. Phänomenologie als Wesensschau im äußerlich Gegebenen wird somit zur voraussetzungslosen Grundlage allen Wissens. Phänomenologie des Edmund Husserl. Die Rollbahn zum Undenkbaren, zum Wesen heißt hier Logos.

Ohnehin: ohne Stille kein Klang, ohne Undenkbares, kein vernünftiger Gedanke, ohne unermessliche Weite kein Reduktionismus, ohne E, kein mc2. Wer in rotierender Denkmechanik positivistisch herumeiert, ignoriert das „ohne“. Neurose! Doch wer dem Erhabenen sich nähert, bekommt, solange er denkt, mit Aporien und Paradoxien zu tun. Nicht weil er nicht ganz richtig tickt, sondern weil es in der Sache Sein liegt. Ganzkörperliches, ganzseelisches, ganzgeistiges Staunen stünde an.

Albert Einstein: „Es scheint, dass die menschliche Vernunft die Form erst selbständig konstruieren muss, ehe wir sie in den Dingen nachweisen können. Aus Kepplers Lebenswerk erkennen wir schön, dass aus bloßer Empirie allein die Erkenntnis nicht erblühen kann, sondern nur aus dem Vergleich von Erdachtem und Beobachtetem.“ (ZEITLITERATUR Nr.12, März 2008, 36)

xxx: Dem Erkenntniskonzept in der Wissenschaft entspricht die gezeichnete Linie in darstellender Grafik. Die gezeichnete Linie – an keinem Gegenstande der Welt ist sie real zu finden. Etwas hört auf, etwas beginnt, sehr wohl, indes ohne dazwischen liegende Linie! Den gezeichneten Umriss entwirft der Verstand zusätzlich zum Realen und gibt dem multidimensional Erschauten so in einer flachen Dimension grafisch Gestalt. Ehe wir über das Absonderliche daran hinweglesen, noch einmal: die Linie gibt es gar nicht. Ein Gleichnis für „Nichts“? Und weiter angedacht: die Vernunft, der Ort für Nichts und blubbernde Nichtse? Das heißt, das gesamte Universum kommt ohne nichts aus, bloß wir Menschen nicht? So sind wir! Das macht uns wesentlich aus? Und an? Darüber können wir uns jetzt viele Leben lang ereifern, es sei denn, wir vergegenwärtigen uns das umfassende Konzept, dass es eine so genannte materialistische Basisebene des Seins gibt und darüber umfassend die Noosphäre, die Sphäre des Geistes. Teilhard de Chardin hat Grundlegendes erschaut und dazu ausführlich angedacht. Und darüber hinaus weitere Sphären, unendlich viele.

Peter, der Kunstkritiker: „Das Schöne ist der bereitwillige Verlust an geistiger Kontrolle. Sie ergibt sich einem organischen Prozess, der für diesen Augenblick von einem außenstehenden Objekt beherrscht wird. Das Objekt wird dabei nicht wirklich erfasst oder erspürt. Es scheint sich meiner Fähigkeit zu bedienen, um sich selbst zu erfassen und zu empfinden. … Das Schöne schließt den Sinn für das Heilige ein. Es umgibt ein Objekt mit der Aura der Unantastbarkeit, errichtet das Tabu seiner Verletzung. Ich werde von diesem Objekt stark angezogen, während eine gleich starke Gegenkraft der Ehrfurcht mich von demselben zurückhält. Ich werde in meiner Bewegung unterbrochen, stehe wie angewurzelt da. Das Schöne ist Distanzierung.“ (Peter Schjeldahl, Poesie der Teilnahme, Dresden 1997, 262, 264)  

Paul Klee lässt auf seinen Grabstein schreiben: „Diesseitig bin ich gar nicht fassbar.“ (Merleau-Ponty, dAudG, 315) und bringt so auf eigenwillige Weise jenseitigen Hauch in sein diesseitiges Werk.

Alles Fußnoten zu Plato, wie Whitehead andenkt? Ja, ja. Und was sagt Plato, der im Buddhafeld großer Mystiker lebte und andenkend zur Allpräsenz von Mystik für unsereins halbwegs nachvollziehbare Untertitel zum Erhabenen vorauskonzipierte? Ja, was raunt er denn? Eine Erkenntnistheorie konzipiert er, in welcher sinnlich Wahrnehmen und geistig Erkennen nicht dasselbe sind. Aha. Sinnliche Eindrücke verarbeitet der Verstand, indem er sie durchdenkt (dianoein). Darüber hinaus gibt es Geist, der aus sich selber in sich selber höhere Ideen, Elementares erschaut (noesis). In einem Liniengleichnis demonstriert er die Abfolge der Erkenntnisweite. Sinnliches Wahrnehmen, durchdenken, erkennen der Schönheit mathematischer Gesetze und im höchsten Bereich Noesis, dem Bereich nicht-begrifflicher Vernunfteinsicht, der Ort erhabenen Gewahrens.

Platon: „Merke dir für die vier Abschnitte des Seins die vier in der menschlichen Seele davon herrührenden Zustände: Vernunfteinsicht für den obersten, Verstandeseinsicht für den zweiten, dem dritten teile Glauben an die Sinne zu, dem vierten bloß einen eitlen Schein vom Wahren.“ (Platon Politeia 509d ff)

Ach, was ich noch hinzufügen wollte. Innerste, höchste Erkenntnis –„in bestimmten sprachlichen Schulausdrücken darf man sich darüber wie über andere Lerngegenstände gar nicht aussprechen … aus innigem Zusammenleben entspringt plötzlich jene Idee in der Seele wie aus einem Feuerfunken das angezündete Licht und bricht sich dann selbst weiter seine Bahn.“ (Platon, Siebter Brief 341D)

Arthur: „Seine tiefste und ‚innerste’ Überzeugung, erklärt Platon, könne wegen der ‚Ohnmacht der Sprache’ niemals wirklich in Worten ausgedrückt werden; und er habe deshalb niemals versucht, anderen durch bloßes Niederschreiben oder Reden zu erklären. Sie könne nur durch eine plötzliche Erleuchtung erfasst werden.“ (Arthur O. Lovejoy, Die große Kette der Wesen, 1933, Frankfurt 1993, 49)

xxx: Erinnert überdies stark an die drei Augen der Erkenntnis, welche der heilige Bonaventura ausfindig macht: das Auge des Fleisches, welches Welt von außen wahrnimmt; das Auge der Vernunft, welches Zugang zum Denken und Logik ermöglicht; und das Auge der Kontemplation, welches uns Zugang zu jenseitigen Wirklichkeiten ermöglicht. Das Auge der Kontemplation dürfte der Noesis des Platon ziemlich entsprechen.

Soweit, so erschaut. Mich wundert, dass Kant sein Buch über das Erhabene von 1764 wie folgt betitelt: Beobachtungen über das Gefühl … Gefühl? Da schreibt jemand über Erkenntnismöglichkeiten der Vernunft und beginnt mit alldurchdringendem Gefühl? Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und des Erhabenen. Denken verheddert angesichts des Erhabenen sich in Tautologien oder Aporien, indessen steht demnach dem Gefühl unmittelbaren Berührtseins ein direkter Zugang höchster Einsicht offen? Erstaunlich für einen möglichst cool systematisch Denkenden.

In Anlehnung an seinerzeit bekannte Psychologie entwickelt er für vier psychische Grundtypen der Persönlichkeitsstruktur die entsprechenden Gefühle für Erhabenes. Der Melancholiker erfahre Erhabenes als Wahrhaftigkeit und somit zutiefst. Der überschäumende Sanguiniker, jedermanns Freund, also niemandes Freund, spüre an Stelle des Erhabenen besonders ein Gefühl für anmachend Schönes. Der prahlende Choleriker erfahre Erhabenes als Pracht, als Ornamentik der Macht. Und der Phlegmatiker merke in dösender Emsigkeit zum Detail gar nichts. (Kant, BüdGdSuE, 30 – 47) Bedenke also die unterschiedlichen Kommentare, falls einem der Typen Kunst vor Augen kommt, in welcher Erhabenes anwest. Und bedenke ebenfalls die unterschiedlichen Vorgehensweisen, falls einer von ihnen gar Kunst produziert. Der Phlegmatiker wird Drucktechniker. Der Choleriker missbraucht Kunst allein zu eigener Aufwertung, Imponiergehabe. Der Sanguiniker spielt nach Art von Pop und Punz unterhaltsam rum. Allein der Melancholiker spürt den Abgrund existentieller Tragik.    

Friedrich bestärkt, was wir bereits wissen: „Wir fühlen uns frei bei der Schönheit, weil die sinnlichen Triebe mit dem Gesetz der Vernunft harmonieren; wir fühlen uns frei beim Erhabenen, weil die sinnlichen Triebe auf die Gesetzgebung der Vernunft keinen Einfluss haben, weil der Geist hier handelt, als ob er unter keinen andern als seinen eigenen Gesetzen stünde. … Wir erfahren also durch das Gefühl des Erhabenen, dass sich der Zustand unsers Geistes nicht notwendig nach dem Zustand des Sinnes richtet, dass die Gesetze der Natur nicht notwendig auch die unsrigen sind, und dass wir ein selbstständiges Prinzipium in uns haben, welches von allen sinnlichen Rührungen unabhängig ist. … Das Erhabene verschafft uns also einen Ausgang aus der sinnlichen Welt, worin uns das Schöne gern immer gefangenhalten möchte.“ (Friedrich Schiller, Über das Erhabene, Internet)

xxx: Sinnliches verbindet durch Schönheit, bezwingt; Erhabenes befreit? Demzufolge spielt Kunst die Rolle der Befreiung in dem Maße, wie sie Erhabenes möglichst fern aller Schönheit zum Ausdruck bringt? Die sexuelle Befreiung der 68ger war also gar keine, sondern eine neue Variation des Zwanghaften?

Jean-Francois: „Kunst sagt nicht das Unsagbare, sie sagt vielmehr, dass sie es nicht sagen kann.“ (Lyotard, Heidegger und die Juden 1988)

xxx: Klärung stünde wohl an. Jean besteht darauf, dass Kunst außerstande sei, Mysterium zu vergegenwärtigen.

Schon der Anspruch, durch Kunst Mysteriöses darstellen zu wollen, sei prinzipiell zum Scheitern verurteilt. Deshalb bleibe Job der Kunst, solche Scheiterungserfahrung ausführlich darzustellen. Kunst wirke demnach dadurch befreiend, weil durch sie jahrtausendealte metaphysische Erwartungen bezüglich undarstellbarer Rätselhaftigkeit des Erhabenen revolutionär  aufgelöst würden. Kunst befreie, sie befreie von der Illusion, dass es Undarstellbares, welches darstellungswert sein könnte, gäbe, so Jean.

Erinnert so verstanden die Haltung nicht stark an jenen Fuchs aus einer Parabel von Jean de la Fontaine, welcher von den Weintrauben, die für ihn zu hoch hängen, behauptet, dass sie sowie nicht schmecken? Auf die Kostprobe kommt es wohl an. Hat man nun von den Trauben gekostet oder nicht? Hat man Erhabenes erspürt oder nicht? Und dann? Wie kommunizieren die beiden miteinander, der eine, der gekostet hat, und der andere, der keinen Anlass dazu fand? Wer von den Trauben des Erhabenen nicht kostete, wird von einer Illusion dessen sprechen, der gekostet zu haben vorgibt. Und derjenige, der tatsächlich kostete, singt ein Lied in dunkle Nacht.

Unbekannte Stimme: Die Nacht ist erhaben, der Tag ist schön!

Hans-Georg: Durch Kunst wird nicht bloße Offenlegung von Sinn vollbracht. „Eher schon wäre zu sagen, dass es die Bergung von Sinn ins Feste ist, so dass er nicht verfließt oder versickert, sondern in der Gefügtheit des Gebildes festgemacht und geborgen ist. Wir verdanken am Ende die Möglichkeit, uns dem idealistischen Sinnbegriff zu entziehen und sozusagen die Seinsfülle oder Wahrheit, die uns aus der Kunst anspricht, in der Doppelwendung von Aufdecken, Entbergen, Offenlegen und von Verborgenheit und Geborgensein zu vernehmen. … (anders gesagt) … Das Symbolische verweist nicht nur auf Bedeutung, sondern lässt sie gegenwärtig sein. … (das geht noch weiter) … im Kunstwerk wird nicht nur auf etwas verwiesen, sondern dass in ihm eigentlicher da ist, worauf verwiesen ist. … Das Kunstwerk bedeutet einen Zuwachs an Sein.“ (Hans-Georg Gadamer, Die Aktualität des Schönen, Stuttgart 1977, 45)

xxx: Kunst sei demnach also nicht nur Hinweis auf etwas Fernliegendes, sei es vergangen oder zukünftig, sei es jenseitig oder zutiefst im Innern des so genannt Gegebenen verborgen, oder formales Abbild als Hinweis auf gegenständlich Vorliegendes, o weh, o ja, vielmehr unmittelbarer Verweis ins gegenwärtige Jetzt. Auch Abbild, allein nicht nur, sondern vor allem Wesensgebilde.

Kunst schafft Wesentliches, jetzt. Seinsbereicherung, Vergegenwärtigung von Geheimnis, Mysterium Nicht-Darstellbarem, Allpräsentem. Nicht irgendeine Bedeutung lässt Kunst gegenwärtig aufleuchten, darauf legt Hans-Georg wert, sondern das, worauf die Bedeutung hinweist. Der Vorgang des so verstandenen Erschauens ist jener, den Maurice bereits ansagte, die zweite Komponente des Sehens nämlich: Mysterium geschieht durch Schauen des lebendigen Menschen, jetzt. In unserer technisch bis an die Zähne durchkonstruierten globalen Weltsituation erhält Kunst erstrecht existentiell notwendig die Aufgabe, jene andere Schauenskomponente zu vergegenwärtigen. Aktuell besteht global eine bedrohliche Schieflage der persönlichen und öffentlichen Wahrnehmung durch totale Überbewertung ins technisch Konstruktive: Selbstvernichtung. Kunst im Sinne von Hans-Georg schafft heilsamen Ausgleich, indem sie Seinsfülle vergegenwärtigt. Niemand brauchte auf den Mond zu fliegen. Soon Quatscht aber auch! Den Mond kann man nicht stehlen! Singt der Meister der Seinsfülle. Sitzt derweil still am Boden, hier. Hat Hans-Georg im Unterschied zu Jean-Francois etwa am Un-kostbaren gekostet?

Gunter Sachs: „Ich habe für die Zukunft, das heißt, für die Vergangenheit produziert. Viel bewegt.“ (3sat Interview 3.3.08)

xxx: Exakt die affektiert reduktionistische, materialistische konsumistische Nuckelposition elitärer Lebemänner. Nichts von gewahrter Gegenwart, nichts von zur Ruhe kommen. Technisch perfekt ritualisierte Flucht vor sich selber, vor dem Geheimnis alles Lebendigen. Albern doof. Grinsend. Auch er, der Sehkrüppel, sieht, und zwar ausschließlich mit der ersten, der sinnlichen Komponente von Sehen, welche Maurice erwähnt: instinktlos objektivistisch von außen.

Francis Bacon wird gefragt: „Gibt es noch was anderes außer dem Augenblick?“

Francis: „Nichts“.

xxx: Okay, spürt nicht jeder sowie in sich ein starkes Verlangen nach Aufgenommensein im umfassenden Ganzen, im Kleinsten wie im Größten Verlangen nach Einswerdung?

Majanna: „Ist das trennende Prinzip: Logos, für die verstandesmäßige Differenzierung und damit für Differenzen wie geschaffen, so ist das Erhabene sicherlich Ausdruck der einenden Kraft. Eros, der für einen heiligen Moment lang, alle Differenzierung und alle Differenz aufzuheben scheint, beschert nicht die Erfahrung des Erhabenen: da ist man wirklich selbst glücklich, e i n s mit allem.“ (Majanna, www.philtalk.de)

xxx: Kommt der Sichtweise von Kant recht nah, welcher Erhabenes als geistige Erhebung über erotische Sinnlichkeit andenkt.

Barnett Newman: The sublim is now!

xxx: Hat da jemand gespürt, gekostet?

Theodor klärt. (Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt 1972, 292 f)

Theodor: „Zur Invasion des Erhabenen in die Kunst trug einst der Naturbegriff der Aufklärung bei. … Die Entfesselung des Elementarischen war eins mit der Emanzipation des Subjekts und damit eins mit dem Selbstbewusstsein des Geistes. Es vergeistigt als Natur die Kunst. Ihr Geist ist Selbstbesinnung auf sein eigenes Naturhaftes. … Umgekehrt hat Vergeistigung ihrerseits der Kunst zugeführt, was, sinnlich nicht wohlgefällig und abstoßend, dieser zuvor tabu war.“

xxx: Nach beiden Seiten hin also wurde barock ego-dekorative Kunst erweitert, vertieft und erhöht: nach unten hin zum schmutzig Triebhaften und nach oben hin zum Lichten, Elementaren, Erhabenen? So verstanden gestaltet Kunst die Affäre Entbergung des bislang Verborgenen als aufregendes Abenteuer. Der Künstler wird autonomer, zur Welt kommender Welteneroberer, Weltgestalter. Selbstverantwortlich.

Theodor: „Die Emanzipation des Subjekts in der Kunst ist die von deren eigener Autonomie; ist sie von der Rücksicht auf Rezipierende befreit.“

xxx: Keine Auftragskunst mehr, weder zum Lobe eines Gottes noch zum Ruhme irgendeines absolutistischen Ansagers. Selbstverwirklichung des autonomen Individuums steht an. Ich in der Welt, wenn es sein soll, gegen die Welt. Wenn es denn Spaß bringt, spielend mit der Welt, lachend in der Welt.

Theodor: „Nicht durch Ideen … vergeistigt sich Kunst, sondern durchs Elementarische. Es ist jenes Intentionslose, das den Geist in sich zu empfangen vermag.“

xxx: Statt Herrschaftsinteressen propagandistisch zu kolorieren, Besinnung auf unerschöpfliche Kräfte der Natur unmittelbaren Lebens in und mit der Natur. Dazu fallen mir einige Expressionisten ein. Ohne Absicht eines raffinierten Ichs offenbaren elementar erhabene Kräfte allumfassender Natur sich von selber.

Theodor: „Ästhetische Spiritualität hat von je mit dem ‚fauve’, dem Wilden besser sich vertragen als mit dem kulturell Okkupierten. … Das Erhabene, das Kant der Natur vorbehielt, wurde nach ihm zum geschichtlichen Konstituens von Kunst selber. Das Erhabene zieht die Demarkationslinie zu dem, was später Kunstgewerbe hieß.“

xxx: Und zu Pop und Punz, Kommerz und Kunz allemal.

Theodor. „Durch ihre Transplantation in die Kunst wird die Kantische Bestimmung des Erhabenen über sich hinausgetrieben. Ihr zufolge erfährt der Geist an seiner empirischen Ohnmacht der Natur gegenüber sein Intelligibles als jener entrückt.“

xxx: Ich wiederhole in eigener Sprache: Dadurch dass Kant andenkend das Erhabene in die ästhetische Erfahrung des Individuums hereinholt, geschieht zunächst Ungewolltes. Ein neues Selbstbewusstsein wird geboren: Den ungestümen Naturgewalten sind und bleiben wir körperlich scheinbar ausgeliefert, wäre da nicht Geist, jener sensible Ort in uns, durch welchen wir natürliche wie archaische Gewalt in uns selber entbergend integrieren, heißt, als zu uns selber gehörend an-erkennen. Das erotisch-thanatoide Naturwilde west seit je in uns selber, ist unsere ureigenste An- und Grundlage für eine im uns bekannten Universum höchst ungewöhnliche Evolution des Geistes. Solches annehmend zu erkennen, dazu gehört waches, entfaltetes, weites Bewusstsein. Wer dazu inspiriert, begeistert wird, fühlt sich erhabener Gewalt in der Natur nicht weiter ausgeliefert.

Theodor: „Indem Erhabenes angesichts der Natur soll gefühlt werden können, wird subjektiven Konstitutionstheorie gemäß Natur ihrerseits erhaben, Selbstbesinnung angesichts ihres Erhabenen antizipiert etwas von der Versöhnung mit ihr. Natur nicht länger vom Geist unterdrückt, befreit sich von dem verruchten Zusammenhang von Naturwüchsigkeit und subjektiver Souveränität.“

xxx: Ich wiederhole in eigener Sprache: Derselbe Gedanke wie oben leicht variiert erneut angedacht: Indem wir in der Natur statt nur vernichtende Bedrohung auch fürsorglich weisen Rat höherer Gewalt kreativ entdecken, uns selber also nicht weder bloß für ausgelieferte Opfer noch für die Krönung der Schöpfung halten und nun mal wirklich global aufhören, durch jene alttestamentarische Allmachtsphantasie des impotenten mythischen Ich-bin-der-Herr vom tiefsten Grabenbruch der Erde, vom toten Meer aus die Erde uns untertan machen zu wollen, sondern mit der Natur als uns nährendem, tragendem, partnerschaftlich Wesenhaftem umzugehen lernen, geschieht das Wunder der Heilung jener schwelenden Wunden, die wir in so genannter Zivilisation bislang uns ständig selber reißen.

Theodor: „Solche Emanzipation wäre die Rückkehr von Natur, und sie, Gegenbild bloßen Daseins, ist das Erhabene.“

Immanuel: Bin allhier – und so weit vom Andenken Theodors gar nicht entfernt. „Genie ist die angeborene Gemütslage (ingenium), durch welche die Natur der Kunst die Regel gibt.“ (Kant, KdU B 181)

xxx: Befreiendes Gewahrwerden unserer selbst in erhabener Natur – die wir selber sind. Tja!

Max: „Welch grausame Phantasie – immer warten, ob sich nun das Geheimnis entschleiern wird und immer mit dummem Gesicht vor dem grauen Vorhang zu sitzen, hinter dem die Geister rumoren oder auch das Nichts.“ (Max Beckmann, Sichtbares und Unsichtbares, Stuttgart 1965, 80)

xxx: „xxx“

Fortsetzung in: Das Erhabene in Wissenschaft und Kunst.
Hgb. Roald Hoffmann und Iain Boyd Whyte, Berlin 2010